gen Osten,  Türkei

Istanbul

13.-19.5.23

Mein Boot aus Avcılar hält in Kadıköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite. Die Fahrt hat sich gelohnt, eine halbe Stunde lang zog Istanbul an mir vorüber, am Ende quere ich zum ersten Mal auf dieser Reise den Bosporus, die Grenze nach Asien. Der Bosporus (griechisch: Rinderfurt), 30 Kilometer lang, zwischen 700 und 2500 Meter breit, gilt als eine der weltweit wichtigsten Wasserstraßen. Er ermöglicht den Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres – darunter Russland, Türkei, Ukraine, Rumänien, Bulgarien und Georgien – den maritimen Zugang zum Mittelmeer und damit Zugang zum internationalen Seehandel. 

Am Hafen werde ich von einem jüngeren Mann begrüßt, der mein Fahrrad bestaunt. Als er es versucht hochzuheben, ruft er beeindruckt „german tank“ (Deutscher Panzer)! Sein leichtes Rennrad dagegen kann ich wiederum kaum händeln, so ungewohnt ist das Fahren ohne Gepäck mittlerweile für mich.

Inzwischen habe ich meine Taschen einmal gewogen, ca 40kg habe ich am Rad, wenn meine Wasser und Essensvorräte komplett aufgefüllt sind. Dazu meine eigenen 65 Kilo und natürlich das Fahrrad: stabiler Stahl plus Roloffschaltung, das wiegt schon einiges. Unter Radfahren (wie auch Wanderern) ist es ein viel besprochenes Thema, was man mitnimmt und was zu Hause lässt. In Lüleburgaz waren wir uns einig: es ist immer ein Kompromiss – wie viel Komfort will ich beim Fahren haben (Leichtigkeit insbesondere am Berg) – wie viel Komfort will ich bei der Pause/in der Nacht haben (Wärme, Platz etc.). Ich befinde mich da im Mittelfeld. Einige bewegen sehr viel mehr Gewicht, andere – insbesondere Bikepacker auf kürzeren Touren – deutlich weniger. Ich lebe ganz gut damit. Bisher kam ich noch jede Steigung hoch, vermisse andererseits auch keine Ausrüstung. Mal schauen wie es wird, wenn ich in höhere Gebirge komme.

Als erstes nach meiner Ankunft fahre ich zu Gürsel, sein Fahrradladen ist die letzte Rohloff-Niederlassung in Richtung Osten. Meine Gangschaltung macht seit einiger Zeit Geräusche, mit denen ich nicht noch weitere 10.000 km fahren möchte. Also nutze ich die Gelegenheit zum gründlichen Check-Up. Der Chef Gürsel ist zur Zeit in Amerika, Melih, sein Mechaniker, sieht auf den ersten Blick weder Ursache noch Lösung. Aber ich bin ja einige Tage hier, von daher haben wir noch einige Zeit es herauszufinden.

Mit den wichtigste Sachen meines Gepäcks mache ich mich also nun zu Fuß auf. Gut, dass ich meinen Leicht-Rucksack dabei habe! In Moda treffe ich die Couchsurfer Leila und Mehmet auf einen Çay, wunderbar so freundlich willkommen geheißen zu werden! Der Stadtteil hier gefällt mir sehr gut: buntes Leben auf den Straßen, kleine Geschäfte, herrliche Aussicht auf das Meer. Mein Gastgeber für die Nacht wohnt jedoch auf der anderen Seite des Bosporus. Die Schiffe fahren hier alle Viertelstunde, so dass ich schnell wieder in Europa bin. Für die 50ct, die das Ticket kostet, gibt es als Bonus nicht nur einen herrlicher Blick auf die Silhouette der Altstadt Istanbuls mit Hagia Sophia, Sultanahmet Camii (Blaue Moschee), Topkapi Palast (auf einer Fläche von 700.000 Quadratmetern, doppelt so groß wie der Vatikan in Rom, lebten und regierten hier die Kaiser über 4 Jahrhunderte), Galata Turm sowie die mächtigen Brücken über Bosporus und das Goldene Horn, sondern auch auf den „Kız Kulesi“, übersetzt „Mädchenturm“ (auch Leanderturm). Nach einer volkstümlichen Sage wurde einer Prinzessin der Tod durch einen Schlangenbiss prophezeit. Sofort ließ der König daraufhin einen Turm mitten in den Gewässern des Bosporus errichten, der seine Tochter vor ihrem Schicksal bewahren sollte. Doch eines Tages gelang in einem Obstkorb eine Schlange auf die kleine Insel und biss die Prinzessin. Sie starb, wie es das Orakel vorausgesagt hatte. Nur Delfine habe ich leider keine gesehen.

Mit Straßenbahn und Metro gelange ich nach Kocatepe, wo Jelal seit fünf Jahren wohnt. Auch diesen Kontakt habe ich über die Plattform Couchsurfing gefunden. Er stammt aus dem Libanon und hat auch schon unter anderem in Dänemark und Schweden gelebt. Wir kochen zusammen leckeres, scharfes Essen.

Am nächsten Tag findet die Wahl in der ganzen Türkei statt. Die Aufregung ist groß! Eine Freundin einer Freundin, die in Istanbul lebt, hat mir geraten, an besten erst später in die Stadt zu kommen und wenn ich doch hier sei, heute auf keinen Fall aus dem Haus zu gehen. Von anderen wiederum höre ich, dass alles sicher sei. Die Sonne scheint – ich mache mich auf! Heute ist Muttertag, da wird die Familie angerufen. Über das Wifi auf dem Bürgersteig vor einem Hotel geht das über WhatsApp ganz gut. Danach folge ich einer Free Walking Tour durch die Altstadt:

Wir treffen uns am At Meydanı (Rossplatz = Hippodrom), im Zentrum der Altstadt. Kaiser Septimius Severus ließ hier im 2. Jahrhundert ein Gegenstück zum Colosseum in Rom errichten. 324 beschloss Kaiser Konstantin I., den Regierungssitz von Rom nach Byzantium zu verlegen, das er in Constantinopolis, „Stadt Konstantins“, umbenannte. Zu dieser Zeit wuchs die Stadt stark und wurde mit einigen neuen Bauten versehen, wozu auch der Neubau der Pferderennbahn gehörte. Konstantins Hippodrom war 429 x 119 Metern groß und bot Platz für etwa 100.000 Zuschauer. Es lag entsprechend dem Vorbild des Circus Maximus in Rom in unmittelbarer Nähe des Kaiserlichen Palasts, damit der Herrscher bequem den Veranstaltungen beiwohnen konnte.

Heute noch stehen hier drei berühmte Säulen: der Dikilitaş (Taş=Stein), ein ägyptischer Obelisk, etwa 3500 Jahre alt, der unter Kaiser Theodosius I. nach Konstantinopel gebracht und dort im Jahr 390 n. Chr. aufgestellt  wurde. Er ist das älteste Denkmal Istanbuls und noch erstaunlich gut erhalten. Die Yılanlı Sütün (Schlangensäule), heute nur mehr ein Rest einer Säule, die ursprünglich beim Apollotempel in Delphi stand, etwa 2500 Jahre alt. Örmetaş (Gemauerte Säule), vermutlich in spätrömischer Zeit errichtet, war ursprünglich mit Bronzeplatten verkleidet, welche während der Kreuzzüge von den „christlichen Rittern“ abmontiert und wie so viele andere Kunstwerke als Kriegsbeute mitgenommen wurden. Weiter steht hier noch der Alman Ceşmesi (Deutscher Brunnen), 1898 vom deutschen Kaiser Wilhelm II. gestiftet.

Weiter gehen wir zum Yerebatan Sarnıcı („Versunkener Palast“). Mit einer Fläche von 9800 Quadratmetern ist die Basilika-Zisterne die größte der 60 unterirdischen Zisternen Istanbuls aus byzantinischer Zeit – bekannt auch als Schauplatz aus dem James Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“. Sie wurde im 6. Jahrhundert von Kaiser Justinian erbaut und diente als Wasserreservoir für den Großen Palast, eine große Basilika, die hier stand. 
Wir schauen die historischen Holzhäuser an, die mehr und mehr zu Hotels saniert werden, und laufen durch den Spice-Basar.

Vor 15-20 Jahren war ich schon mehrmals in ist, doch die Stadt ist und bleibt ein Erlebnis! 20 Millionen Einwohner (geschätzt!), dazu jährlich über 14 Millionen Touristen aus dem Ausland. Istanbul ist die Stadt mit der achtgrößten Besucherzahl der Welt. Sie erstreckt sich über 270 km. Im Jahr 660 v. Chr. unter dem Namen Byzantion (Byzanz) gegründet, kann die Stadt auf eine 2700-jährige Geschichte zurückblicken. Fast 1600 Jahre lang diente sie nacheinander dem Römischen, dem Byzantinischen und dem Osmanischen Reich als Hauptstadt. Zudem war sie jahrhundertelang ein bedeutendes Zentrum des orthodoxen Christentums und des sunnitischen Islams.

Aufgrund ihrer Einzigartigkeit wurden Teile der historischen Altstadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2010 war Istanbul Kulturhauptstadt Europas. Die vielen Stadtteile spiegeln ein völlig unterschiedliches Bild, es gibt das alte Europa, das neue Europa, Asien, streng muslimische Gegenden, jüdische, griechische und christliche, Künstlerviertel, Unendlich zu schauen gibt es überall!

Nachmittags laufe ich über die berühmte Galata-Brücke über das Goldene Horn und treffe ich mich mit Mehmet. Wir gehen in eine Lokantası, in der das Essen fertig gekocht in einer Vitrine zum Auswählen steht, und bummeln durch Taksim. Die Fußgängerzone „Istiklal Caddesı“ gehört mit ihrer Jugendstilarchitektur zu den berühmtesten Einkaufsstraße der Welt. Mitten darin steht St. Antoine, eine rote Backsteinkirche im neugotischen Stil, in der Papst Johannes XXIII. vor seiner Wahl zum Papst mehrere Jahre lang gepredigt hat.

In Istanbul gibt es über 3000 (!) Moscheen. Abends besuche ich einige der berühmtesten: Sultanahmet, Hagia Sophia, aber auch Rüstem Paşa und die Süleymaniye Moschee.

Die Hagia Sophia (Heilige Weisheit) ist eines der bekanntesten und bemerkenswertesten Bauwerke Istanbuls. Ursprünglich die mächtigste Kirche des frühen Christentums, wurde sie im Laufe der Zeit in eine osmanische Moschee und ein türkisches Museum umgewandelt. Heute ist sie wieder eine Moschee. Sie wurde vom byzantinischen Kaiser Justinian I. in der Spätantike in Auftrag gegeben und ist vor allem für ihre einzigartige Mischung aus verschiedenen architektonischen Stilen bekannt, die die turbulente Vergangenheit des Gebäudes und der Stadt widerspiegelt. Wegen ihrer immensen, nahezu schwerelos über dem freien Hauptraum schwebenden Kuppel galt die Hagia Sophia in Spätantike und Mittelalter als achtes Weltwunder. Ein Jahrtausend lang war sie mit einer Scheitelhöhe von 55,6 m und einem Kuppeldurchmesser von ca. 31 m die mit Abstand größte Kirche der Christenheit. Ihre Kuppel bleibt bis zum heutigen Tage die größte über nur vier Tragepunkten errichtete Ziegel-Kuppel der Architekturgeschichte. Sie ist eine der kühnsten Konstruktionen aus Menschenhand und eines der bedeutendsten Bauwerke der letzten 1500 Jahre. Die Hagia Sophia war die Kathedrale Konstantinopels, Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, religiöser Mittelpunkt der Orthodoxie sowie Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und Ort wichtiger historischer Geschehnisse.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wurden christliche Insignien, Inneneinrichtung, Dekorationen und Glocken der Hagia Sophia entfernt oder durch Putz verdeckt. Anschließend zur Hauptmoschee der Osmanen umgewandelt, hatte sie großen Einfluss auf die Entfaltung der osmanischen Baukunst. Die Sultane des 16. und 17. Jahrhunderts lehnten ihre Moscheen an das bauliche Vorbild der Hagia Sophia an. Allgemein ist sie trotz der islamischen Indienstnahme in rein architektonischer Perspektive heute weniger verändert als die großen frühchristlichen Basiliken Roms und Jerusalems.

Auf Anregung Atatürks, des ersten Präsidenten der Türkei, wurde die Moschee 1934 in ein Museum umgewandelt. Am 2020 entschied das oberste Verwaltungsgericht der Türkei, dass die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt werden dürfe. Auf Anordnung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan wurde für das erste islamische Gebet der 24. Juli 2020 festgelegt.

Gegenüber der Hagia Sophia steht die Sultan-Ahmed-Moschee, besser bekannt als Blaue Moschee. Ihren Spitznamen verdankt sie den mehr als 20.000 blauen Fliesen, die das majestätische Innere schmücken. Die Blaue Moschee, die im 17. Jahrhundert unter der Herrschaft von Ahmed I. erbaut wurde, gilt als Meisterwerk der osmanischen Architektur. Als eine der größten und prächtigsten Moscheen Istanbuls besticht sie durch ihr hervorragendes Zusammenspiel von Proportionen, Harmonie und Eleganz. Eine weitere Besonderheit sind die sechs Minarette, nur die Prophetenmoschee in Medina (zehn) und die Hauptmoschee in Mekka (neun) haben mehr Minarette. Im oberen Teil des Hofeingangs auf der Westseite befindet sich eine schwere Eisenkette. Diese diente dazu, dass der Sultan, der den Hof zu Pferde betrat, an dieser Stelle seinen Kopf neigen musste, wenn er nicht an die Kette stoßen wollte. Dies diente als ein symbolischer Akt, damit der Sultan nicht erhobenen Hauptes, also in der Pose vollen Stolzes, die Moschee betreten konnte.

Sowohl Papst Benedikt XVI. als auch Papst Franziskus besuchen schon die Moschee. Während des Gebets der geistlichen Führer verharrten sie in der für Muslime üblichen Gebetshaltung in einer Meditation. Gemeinsam mahnten die muslimischen Geistlichen und der Papst zum Frieden der Völker sowie Respekt und Toleranz zwischen den Religionen.

Die Süleymaniye Moschee steht auf dem dritten Hügel der Altstadt von Sultanahmet mit Blick auf das Goldene Horn. Sie wurde von Sultan Suleiman dem Prächtigen in Auftrag gegeben, der das wichtigste Denkmal für seine 47-jährige Herrschaft über das Osmanische Reich errichten wollte. Wie viele kaiserliche Moscheen in der Stadt wurde auch die Süleymaniye als Komplex mit vielen Gebäuden und einer Moschee in der Mitte gebaut. Er beherbergte eine Bibliothek, ein Bildungsinstitut, Gräber, ein Krankenhaus und ein Hospiz für die Armen. Heute ist die Süleymaniye eine der prächtigsten kaiserlichen Moscheen nicht nur in Istanbul, sondern in der ganzen Türkei. Sie beeindruckt vor allem durch ihre Architektur und ihre außergewöhnliche Akustik, die unter anderem durch 64 aufgestellte bauchige Tonzylinder erreicht wurde.

Ab 20 Uhr werden die Menschenschlangen vor diesen Sehenswürdigkeiten gewöhnlich kürzer, heute am Tag der Wahl sind sie ganz verschwunden. Wie bei uns in den Kirchen ist auch hier der Eintritt kostenlos. Am Eingang gibt es lange Röcke und Tücher für Frauen zum Ausleihen. Ich bin vorbereitet und habe meine eigene angemessene Kleidung dabei. Doch was machen eigentlich Männer, die hier in kurzen Hosen vorbei kommen? Leihen auch die sich einen Rock aus?

Auf meinem Heimweg zur Haltestelle laufe ich durch das wie ausgestorbene Basarviertel. Wir würden sagen, die (nicht vorhandenen) Bürgersteige sind hochgeklappt. Außer den allgegenwärtigen Katzen bewegt sich hier wirklich gar nichts mehr, selbst die Menschen, die große Karren hinter sich herziehen und den Müll nach RecyclingMaterial (Papier,Plastik) durchsuchen, haben schon ihre Runde beendet. Nur ein weiteres Pärchen sucht mit dem Handy nach dem Weg. Wir alle müssen lachen über uns Touristen!

Katzen gibt es hier überall, geschätzt an die 200.000. Die Einwohner Istanbuls lieben die Vierbeiner, denn die Liebe zu Katzen ist für sie ein Zeichen des Glaubens, da alle Propheten Katzen liebten. Um den Propheten Mohammed und seine Katze Muezza ranken sich viele Legenden. In der bekanntesten Geschichte rettete sie ihn vor dem Biss einer giftigen Natter. Mohammed streichelte ihr voller Dankbarkeit über den Rücken – seither falle keine Katze mehr auf den Rücken, sondern immer auf die Pfoten! Die vielen Streuner auf der Straße werden von den Bewohnern der Stadt gut versorgt – und das wissen sie auch: Morgens, wenn die Ladenbesitzer ihre Läden öffnen, sind an vielen Ecken Katzen zu beobachten, die sich zu ihnen gesellen und auf Futter und Wasser warten. Überall sieht man Kuschelkisten, in denen sich die Katzen bei Regen, Wind und Kälte verkriechen können. Die Katzenliebe zieht sich auch durch die Medien, so zum Beispiel in Form einer Kampagne, die in einem besonders heißen Sommer die Menschen dazu aufforderte, Wasser vor ihre Türen zu stellen. 2016 drehte die Regisseurin Ceyda Torun einen Dokumentarfilm „Kedi – Von Katzen und Menschen“ über sie. 

Von Unruhen bezüglich der Wahl habe ich nichts mitbekommen, es war ein freundlicher, friedlicher Tag. In der Stadt schien das Geschäft wie immer zu laufen. Die Wahllokale befinden sich genau wie bei uns auch in Schulen. Das Ergebnis war, wie ihr wisst, unentschieden, es gibt eine Stichwahl in zwei Wochen.

Am nächsten Tag habe ich Geburtstag! Nicht nur mein Fahrrad soll in Istanbul gepflegt werden – auch ich lasse es mir gut gehen! In einem traditionellen Hamam lasse ich mich wunderbar einweichen, bürsten, waschen und kneten. Nach zweieinhalb Monaten auf dem Rad und im Schlafsack tut das richtig gut! Am Montag Vormittag habe ich die Aufmerksamkeit der Waschfrau für mich alleine und bekomme sogar ein Geburtstagsständchen auf Türkisch. Hinterher ein Ruheschläfchen in der Sauna und dann eine Portion Olivenöl für meine Haut (sonst bekomme ich die gekaufte 500ml-Dose ja nie leer). In dem Hamam, den ich mir ausgesucht habe, gibt es nichts Touristisches, nur die traditionelle Anwendung in einem original historischem Ambiente. Mir reicht das. Die Maniküre hole ich mir hinterher an einem anderen Ort.

Lokum (türkische Süßigkeit) ist mir von früher bekannt. Nun entdecke ich Neues! Es gibt nicht nur die kleinen Würfel, sondern große Stangen, in denen, wie beim Sushi alles mögliche zusammen gerollt ist. Ich kann mich gar nicht entscheiden und gönne ich mir ein volles Pfund! Abends machen wir uns auf mit dem Boot nach Beşiktaş, es gibt es einen Abend mit Meze und Rakı. Zu meinem Geburtstag bin ich in ein Airbnb-Zimmer in Kadıköy/Moda umgezogen, das sehr zentral in der Fußgängerzone liegt, so ist noch Zeit für eine Flasche Wein zum Ausklang auf einer Bank am Meer. Ich war mir immer sicher, einen guten Ort für meinen Geburtstag zu finden. Vorgestellt hatte ich mir hat nichts. Umso reicher fühle ich mich beschenkt von diesem Tag!

Den nächsten Tag schlafe ich aus 🙈 und streife dann weiter durch Istanbul, arbeite ein wenig auf Mehmets kleinem Feld (auch so ein kleines Beet, das unter den interessierten Anwohnern verlost wird), fahre mit dem Bus herum und helfe im Fahrradladen. Es ist im Gespräch, die ganze Gangschaltung auszutauschen. Dies überrascht mich dann doch, aber bei diesem Angebot auf Garantie sage ich nicht Nein. Schließlich will ich noch mehr als 10.000 km weiter fahren. Und in Richtung Osten wird dies der letzte Ort sein, an dem ich einen solchen Service finden kann.

Einen weiteren Tag verbringe ich mit einer Bootstour auf dem Goldenen Horn, dem Arm des Bosporus, der sich weit nach Istanbul hinein erstreckt. Ganz unerwartet finde ich am Ende die Eyüp Camii, die heiligste Moschee Istanbuls, mit ihrem idyllischen Friedhof. Hier befinden sich neben den Gräbern berühmter Sultane, ihrer Frauen und Kinder, die Reliquien des Fahnenträgers von Mohammed, die tagtäglich von zahlreichen Pilgern besucht werden. Mit der Seilbahn kann man auf den daneben liegenden Pierre-Loti-Hügel fahren (benannt nach dem französischen Schriftsteller, 1805-1923, der hier oft zu Gast war), ich ziehe jedoch eine Wanderung vor.

Auf dem Rückweg schaue ich mir die Paläste an, die traumhaft an Ufer des Bosporus liegen. Der Dolmabahçe-Palast im Bezirk Beşiktaş ist mit einer Fläche von 45.000 Quadratmetern der größte Palast in der Türkei und einer der größten Paläste der Welt. Insgesamt gibt es 44 Säle, 285 Zimmer, 6 Hamams und 68 Bäder, die den Glanz vergangener Zeiten widerspiegeln. Der Palast wurde 1856 nach französischem Vorbild erbaut, um den Topkapi-Palast als neuen Regierungssitz zu ersetzen, und besticht damals wie heute mit beeindruckendem Prunk und luxuriösem Dekor. Die inneren Kuppeln sind mit 14 Tonnen Gold vergoldet. Im Hauptsal hängt der größte Kronleuchter der Welt (4,5 Tonnen, 750 Lampen). Die letzten 6 osmanischen Sultane und später Atatürk, der Staatsgründer, nutzten ihn für unterschiedlich lange Zeit als Residenz. Nach Atatürks Tod wurde der Dolmabahçe-Palast renoviert und in ein Museum umgewandelt. Er wird jedoch weiterhin für offizielle Anlässe wie Staatsbesuche genutzt.

Abends ziehe ich in meine dritte Unterkunft in dieser Stadt. In Göztepe, auch auf der asiatischen Seite gegenüber des großen Krankenhauses, wohnt Erol. Er liebt Zahlen, Musik, Fahrräder und veganes Essen! Das passt doch 😊 Ich darf mir sein Faltrad leihen um mit ihm den Sonnenuntergang an der Strandpromenade zu genießen. Danach drehen wir eine große Runde durch die nächtliche Stadt. Jemanden, der sich ebenfalls „plantbased“ ernährt, habe ich bisher noch nicht gefunden in der Türkei. Es ist so herrlich einfach, wenn man nicht über essen reden muss, sondern die selben Sachen mag. Die beiden Frühstücke mit ihm gehören definitiv zu den kulinarischen Highlights meiner Reise! Erol ist ein Ingenieur, was er auch nach seiner Pensionierung nicht verleugnen kann. Sein letztes DiY-(Do-it-yourself)-Projekt ist ein Koffer-Anhänger, in dem beim Fliegen das Faltrad verschwindet und bei der anschließenden Fahrradtour das Gepäck. Auch Klick-Pedale hat er sich mit Magneten selber gebaut. Am zweiten Abend fahren wir wieder mehr als 50 km durch Istanbul, diesmal mit meinem eigenem Rad als Probetour: die neue Gangschaltung ist eingebaut!

Sechs Tage Istanbul – was habe ich nicht alles gesehen! Kultur und Geschichte ohne Ende, ganz normales Leben, bin viel gelaufen, hab mich treiben lassen und auch hier wieder Menschen kennen gelernt, die mir ans Herz gewachsen sind. Danke, Istanbul, danke dafür!

Was ich in den Tagen nicht geschafft habe, ist mich um die weitere Organisation meiner Reise zu kümmern. Einige Fotos sind hochgeladen, doch weder ist der Blog auf aktuellem Stand noch weiß ich, wo ich in der nächsten Woche langfahren will. Auch mit meinen Plänen für die Zeit nach Georgien bin ich kein Stück weiter. Wie sagte John Lennon so schön:

Leben ist das, was passiert, während du beschäftigt bist, andere Pläne zu machen.

Ich habe mich hier in Istanbul für das Leben entschieden und bin sicher, dass der Rest sich fügen wird. So wirklich falsch machen, kann ich ja nichts!

7 Kommentare

  • Ufke

    Moin Anke.

    Sehr schön, freut mich dass du über deinen Geburtstag erholsame und beeindruckende Tage in Istanbul hattest.

    Istanbul waren auch damals für Steffen und mich eine großartige Belohnung zum Abschluss unserer Sommertour.

    Bin schon sehr gespannt auf welcher Route du ab jetzt welche Länder durchradeln wirst auf deiner langen Reise gen Osten.

    Ab Istanbul ist wirklich alles zu 100% „Neuland“ für mich.

    Drücke dir die Daumen.

    Ufke

  • Angela Wiese

    Liebe Anke, wie glücklich du aussiehst! Du machst alles richtig. Auf jeden Fall. Ich sehe es.

    Un viaggio felice

    wünsche ich dir vom Gardasee. Angela

  • Steffen Timmann

    Der kurzweiligste, informativste, spannendste, einfach beste Reiseführer von Istanbul, den ich bis jetzt gelesen habe!

  • mareike

    Hallo Anke, das liest sich ja entspannt genießend. Ich wünsche dir weiterhin eine solch tolle Reise. Beste Grüße Mareike

  • Handan

    Hallo Anke, wirklich ein toller Bericht über Istanbul und wunderschöne Bilder!

    Man sieht du hast dich wohl gefühlt und du hattest eine tolle Zeit in Istanbul :-).

    Hosca kal, görüsürüz :-).

    Güle güle

    Ich freue mich auf die nächste Berichterstattung.

    Liebe Grüße
    Handan

  • Frances

    Liebe Anke,

    wasfür eine spezielle Feier zum 50. Geburtstag! Herzlichen Glückewünsch!

    Dein super interessanter Bericht erinnert mich an meine beiden Reisen in die Türkei letztes Jahr. Die erste war im März mit Luis nach Antalya, ich wollte einfach der Kälte entfliehen. Obwohl es dort an der Küste nicht wärmer war, hat mir die Reise so gut gefallen, denn die Türkei war genau die richtige Mischung aus meinem Heimatland China (gerade war Besuch noch sehr schwierig während den 3 Corona-Jahren) und dem neuen Zuhause, Deutschland. Insofern bin ich 3 Monaten später wieder dorthin geflogen, diesmal nur in Istanbul für eine Woche mit einer Freundin. Du hast Recht, man kann in der fazinierenden Megastadt noch länger bleiben.
    Letzten Sonntagabend haben wir, 3 Familien, die alle 2022 in die Türkei gereist sind, einen türkischen Abend gemacht. Jede hat türkische Gerichte zubereitet, und ihre Fotos gezeigt. Das war schön!

    Danke für die informativen Blogs Deiner Reise. Mach weiter so! Liebe Grüße, Frances

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